Glück auf dem Pferderücken: Behinderte entfliehen dem Alltag

Für einige Bewohner des Lebenshilfe-Wohnheims "Am Katzenstein" ist der regelmäßige Ausflug zur Reittherapie nach Schönheide der Höhepunkt des Monats. Andere dürfen bisher nicht mit - das könnte sich ändern.

Schönheide/Auerbach.

Normalerweise sitzt Jürgen Meinhardt (56) ständig im Rollstuhl - gestern schafft er es mit einiger Mühe und viel Hilfe ein Treppchen hinauf und dann auf den Rücken von Wallach Pedro (14). Anschließend reitet er eine Viertelstunde durch die Halle des Therapiezentrums für Mensch und Pferde in Schönheide und hält sich trotz halbseitiger Lähmung gut oben. Sichtlich stolz und zufrieden lässt er sich wieder hinunterhelfen. Meinhardt zählt zu den prominentesten Bewohnern des Lebenshilfe-Wohnpflegeheims "Am Katzenstein" in Auerbach: Im Januar war er beim Neujahrsempfang des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer dabei und sprach mit diesem darüber, dass es mehr finanzielle Unterstützung für Behinderte geben müsse. Etwa für Reittherapien wie die in Schönheide: Bezahlt werde diese vom Taschengeld der Bewohner, sagt Mitarbeiterin Sandra Wagner, die das Ganze als Begleiterin absichert.

Vor drei Jahren knüpften die Verantwortlichen im Heim den Kontakt zu Nicole Dietrich, die das Schönheider Therapiezentrum betreibt. Seitdem werden kleine Gruppen von schwer mehrfach behinderten Bewohnern meist einmal pro Monat hierher gefahren und drehen ihre Runden auf Pedros Rücken. Gestern sind es außer Jürgen Meinhardt noch Tilo und Rico, auch sie sind von Anfang an große Pferdefans. "Rico schiebt nach dem Reiten gerne die Hände unter den Sattel, Tilo streichelt Pedros Kopf", berichtet Sandra Wagner.

Sich verständlich machen können beide Männer nicht - aber dass ihnen der geführte Ritt durch die Halle Spaß macht, ist nicht zu übersehen. "Hier kommen sie mal aus ihrem Alltag heraus", so Sandra Wagner. Sonst gäbe es dazu nicht viele Gelegenheiten - der Aufwand für die Betreuung sei hoch. Tilo zeigt gleich, was das bedeutet: Er kann durch seine spastischen Lähmungen schlecht laufen, stiehlt sich aber davon, wenn niemand hinschaut, und durchsucht schon mal fremde Taschen. "Fall bloß nicht hin, sonst gibt es wieder eine Platzwunde", mahnt Sandra Wagner, und führt ihn zurück zu seinem Platz, wo er sich mit verschmitztem Lächeln an einem stibitzten Cent-Stück erfreut.

Für Tilo und die anderen Bewohner sei der Ausflug nach Schönheide oft der Höhepunkt des Monats, sagt die Heim-Mitarbeiterin: "Schon die Fahrt hierher ist ja spannend, sie fahren doch selten Auto." Einmal im Jahr gibt es dann noch ein "Reiter-Frühstück" mit allen beteiligten Bewohnern, bei dem auch die großen Labrador-Hunde des Therapiezentrums einbezogen werden. Es gebe schöne Fotos, wie Tilo und Rico diese füttern, sagt Chefin Nicole Dietrich lächelnd.

Nicht alle Bewohner können hier reiten - es fehlt bisher ein Lift, um Schwerbehinderte auf den Pferderücken zu bugsieren, die gar nicht laufen können. Nicole Dietrich würde gerne einen anschaffen: "Der kostet allerdings 8000 bis 10.000 Euro." Dazu hat Lebenshilfe-Sprecher Bernd Schädlich, der gestern auch mit dabei war, eine Idee: "Es gibt doch das Programm ,Lieblingsplätze für alle', darüber werden genau solche Dinge finanziert!" Nicole Dietrich hat davon noch nichts gehört - sie will nun Fördermittel beantragen.

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